Mittwoch, 25. Februar 2015

Tu wat tu kant, Immanuel!


Kraut und Rüben, harsche Gicht. Wertewandel wartet nicht.
Ay caramba!, Budenzauber. Zuberzauber-er er ist. Es schwappt unterm Schaume, das Knistern im Traume, im Hirn der Töne eingebettet. Gedankensoße verdickt sich zu Brei.
In den Brei der Gedanken, wir springen von Planken - der Archen, Barken und Fregatten. Conemotional zu allen Gezeiten, Bewusstseinsanker liegt träge im Schlick. Die Seele will segeln, Gefühlsflaute zum Trotz.
Die Außenwelt bleibt äußerlich, die Innenwelt verbirgt sich schlicht. Nach Fäule riecht das bracke Wasser, es ächzt und bebt in Heck und Bug.
Armada gestrandet auf höchster See, der trübe Seegang hat zugesetzt.


Montag, 16. Februar 2015

Wilhelmsplatz


Männerdenkmal aufgestellt,
Männerdenkmal abgerissen,
Männermahnmal aufgestellt,
Männermahnmal umgeschmissen,
„Männer war’n mal“ drauf gesprayt,
Trümmer an die Seite.
Frauendenkmal aufgestellt,
Frauenwahn-Mall drumgebaut,
Jetzt sind alle glücklich.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Halbabend

„Ludwig van Beethoven…“, beginnt er und macht eine lange Pause, in der er bedeutungsschwanger in die Runde schaut, bis jeder der Versammelten seinen Blick auf ihn gerichtet hat. Dann beendet er den Satz mit einem selbstgefälligen Lächeln, während sich seine linke Hand an den Bügel der Brille erinnert. „…ist noch nie in einem Atemzug mit Edmund Stoiber genannt worden.“

Ich schalte um. Günther Jauch ist einfach nichts mehr für mich.
Fußball. Boxen. Werbung. Noch mehr Fußball. Und wieder Talk.
Irgendwelche Prominente präsentieren dem Hoffentlich-Millionenpublikum einen halbwahren Ausschnitt ihrer Biografie, den sie mit einer so bedächtigen Vorsicht ausschmücken, wie sie ein professioneller Mikadospieler beim Weihnachtsbaumschmücken an den Tag legt. Es dreht sich um nichts und im Kreis, vier mögen Hunde, eine nicht. Sie witzeln und frotzeln, dann wird ein abwesender Prominenter bloßgestellt. Danach ein kurzer Ausschnitt aus einem deutschen Fernsehfilm, der sich der Tradition des Jahrtausends nicht entziehen kann.
Die Anzüge und Kostüme erweisen sich im Scheinwerferlicht als schwierig. Um nicht am Ledersessel kleben zu bleiben, fangen die Prominenten an, ständig ihre Sitzposition zu wechseln. Vielleicht müssen sie auch mal, es sind die Öffentlich-Rechtlichen. Sie reden über Fußball, dann übers Boxen. Und wieder Fußball. Innerlich freut sich alles auf die Line, wie es scheint. Denn so macht man es im Fernsehen.
Weil die Diskussion weder amüsant noch hitzig ist, macht der Moderator einen blöden Witz. Das Publikum klatscht und die Lichttechnik probiert etwas aus. Dann wird irgendein Album in die Kamera gehalten und einer nach dem anderen heuchelt sich für ein paar Sekunden ins Bild.
Da!, die lang ersehnte Jingle, die das Ende der Wahnsinnsshow bedeutet, setzt ein und alle Prominenten stehen auf. Ein letztes Mal die verkehrte Miene und die falschen Komplimente, während sie möglichst unauffällig die Fusseln und Schuppen vom Jackett streichen. Nächste Woche geht es um was anderes.


Endlich Schluss. ‚Fernsehen ist doof‘, denke ich und stehe auf. Ich fühle mich irgendwie schmutzig, stelle mich unter die Dusche und drehe auf heiß.

Donnerstag, 1. Januar 2015

Fernbus-Schreiben


Stummes Schreiben keiner Texte, stummes Lauschen alter Sounds. Merken, dass der Stift ist kacke. Ebenso wie Satzbau auch. Unlust wächst, ich schreibe weiter. Stift bleibt kacke, Satzbau geht. Innehalten – kurz gelesen, was da hier bis jetzt so steht. Gebannt schau ich auf meine Rechte, wartend, was die Linke schreibt. Ist es Willkür oder Wille, was die Hand nach vorne treibt?
Stift bleibt kacke und mein Satzbau irgendwie schlimm wechselhaft. Ohne diesen Minusgriffel hätte ich längst mehr geschafft.


„Kann mir wer 'nen Stift besorgen?“, schrei ich durch den vollen Bus.


Jung und Alt schaut schwer entgeistert, ich kontere mit Hundeblick. Alles sucht und kramt und findet, und ich teste Stück für Stück.

Einer geht nicht, einer fließt nicht, einer flitzt mir übers Blatt. Wutentbrannt schubs ich das Kleinkind. „Junge! Der is‘ viel zu glatt!“
Dick wie Kreide, schwer wie Kobalt, dünn wie junges Pferdehaar und wieder leicht wie eine Fee. Ich sag „Sorry“, ich sag‘ „Fick dich“, meistens sag ich aber „Nee.“

Der Aufruhr legt sich, es erhebt sich engelsgleich die Blonde Sie. Ich kämpfe, doch ihr Kugelschreiber zwingt mich weinend in die Knie.
'Nie hat sich ein Schriftsteller jemals seiner Schrift gestellt.' schreib ich, weiß nicht, was ich tue – nicht mal, ob es mir gefällt.
Der Stift ist klasse und mein Engel XXX-Inspiration. Wir sind Eltern und verzaubert schreibt der Papa an dem Sohn.
Ich seh nur noch meine Schöne, unsre Lippen nähern sich. „KRRRCH…! Sooooo, gleich kommt Freiburg!“, lärmt es plötzlich fürchterlich.

Benommen reibe ich die Augen. Kacke, alles nur ein Traum.

Mein Blatt ist leer; der feuchte Lappen riecht nach Sabber-Wunderbaum.


P.S.: Scheiß auf Krösus.

Freitag, 31. Oktober 2014

Sorgenbrei


Im 'Litfass' gelitten,
Mit schwer spröden Lippen,
Räumt er das Lokal.

Vom Osten beißt der Lichterschmerz,
Gedankenwelt zerreißt das Herz,
Geräusche lärmen Qual.


Montag, 27. Oktober 2014

Wehe, wenn sie losgelassen...


Ich habe meinen Lohn bekommen. Tausend Euro, ist das geil!
Dir fehlt’s Kleingeld, willst was trinken, geh’n wir halt gemeinsam steil.

Nach zwei Stunden in der Kneipe hat jeder sieben Halbe drin,
Ich verlier‘ dich aus den Augen, weil ich zu besoffen bin.

Ich muss pissen wie ein Eber, und auf dem Weg zum Männerklo:
Find‘ ich dich am Automaten, du spielst 'Ramses' oder so.

Nach anderthalb Minuten Strahl gesell' ich mich bequem zu dir,
Geräusche blubbern und ich rauche, filterlos zum schalen Bier.

Du erklärst mir, was passiert und wie’s der echte Profi macht,
Aus zwanzig Euro werden vier, und plötzlich wieder acht.

„ZWEI Königinnen reichen nicht. Ich fass‘ es kaum, du ahnst es nicht, wie knapp war das denn bitte? Hier guck, jetzt will er mich mal locken. Da bleib‘ ich cool, wir woll’n ja zocken. Gleich gehen wir hoch… Gleich… Waaaartee… JETZT!“
Da!, die Faust den Button fetzt und alles schweigt gespannt.

Das Schweigen geht weiter, die Spannung schwindet,
Gibt Hoffen, Bangen, Panik nach.
Du weißt, wie man ihn überwindet,
Ein kurzer Fluch, dann tankst du nach.

Ich schäme mich und schaue weg,
Die Zigarette schmeckt nach Kot.



Der Demo-Modus ist verboten,
Gefüttert wird mit blauen Noten – der Selbsthass in dir grollt.
Mein letzter Zwanni ist verschluckt,
Und wird nicht wieder ausgespuckt - du hast ihn nie gewollt.

Statt Taxi geht es nun zu Fuß,
„Bis morgen!“ ist dein letzter Gruß.

Draußen geht es widerlich,
Hier wird aus uns dann wieder ich.

 Trüb trotte ich nach Hause.


Samstag, 25. Oktober 2014

Samstag

Fuck, was für eine Nacht. Mein Kopf besteht aus Qual, die Gedanken kreisen wie Polizeihubschrauber bei einer Vermisstensuche über einer Moorlandschaft. Leider vergebens. Wo war ich gestern, was habe ich gemacht? Ich strecke die Zunge heraus und lasse sie an den oberen Schneidezähnen entlang fahren, um eine Probe von ihrem sülzigen Belag zu nehmen. Das Zeug ist tierisch sauer, irgendwas Böses war da im Spiel.

Mein Zustand und die Sonne machen Schlafen zur Unmöglichkeit. Es scheint Tag, vielleicht 12? Die Uhr sagt früher. Nach langsamstem Aufstehen unter Schmerzen wanke ich benommen ins Bad.
Kotzegeruch kommt mir entgegen. Ich klappe die Brille hoch und werde fündig. Ich habe wohl beim Aufräumen die Schublade offen gelassen.
Die dunkelgelbe Pisse plätschert mit dem Durchfall um die Wette. Das Brennen am Arsch ist Nebensache, so sehr dröhnt mein Schädel.
Im Spiegel grüßt sich die wohlbekannte Leiche, die Zahncreme schmeckt wie Feuer. Was zum Teufel habe ich geraucht?
Schmerztabletten, alle guten Dinge sind drei.

Eine Stunde später bin ich drei nichtssagende Flashbacks schlauer, immerhin der Kopf einigermaßen mittelmäßig. Ich überlege, mir einen runterzuholen, entscheide mich dann doch dagegen. Irgendwie ist mir gerade nach einkaufen, das Wetter viel zu gut. Außerdem bin ich in voller Montur von letzter Nacht, da falle ich im Penny gar nicht auf. Der Blick in die schwarze Tiefe des Portemonnaies ist wenig überraschend und doch ernüchternd. Ach ja, die zerbrochene EC-Karte. So ein Kack. Nach kurzem Wühlen in meinen Hosentaschen krame ich tatsächlich einen zerknitterten 20-Euro-Schein heraus. Freudig erregt schnippe ich mir an den Fahrradhelm.


Normalerweise komme ich mir im Penny wie ein Zivilbulle vor. Die ganzen krummen Gestalten, die im besten Fall bis zehn zählen können und ihre merkwürdigen Einkäufe umständlich ergrapscht zur Kasse balancieren, weil der Einkaufswagen zu teuer ist – und dann ich, mit 300 Gramm Ingwer, reichlich Milch und jeder Menge Tiefkühlpizza. Heute nicht. Heute bin ich einer von ihnen. Schon beim Hereingehen heiße ich den beißenden Biergestank in meinen Nüstern willkommen und grüße die drei Zombies, die den Pfandautomat zu bedienen versuchen mit einem mürrischen „Hrmpf.“ Einer spuckt auf den Boden, ich nicke ihm zu.

Die Tumulte im Kassenbereich erfüllen mich mit Vorfreude, mich zieht es aber erst einmal in die vorgeschriebene Gehrichtung. Der Pfeil macht automatisch Platz, ich korrigiere meinen halb geöffneten Hosenstall und lasse den leicht fauligen Geruch alten Gemüses heraus.

Ich gehe zielstrebig an die Orte, an denen man sich tummelt. Ich kaufe Billigcola, Chips und jede Menge Bier. Zwischen Maultaschen und Ofenkäse geht eine mickrige Gestalt verzweifelt auf und ab. „Hast du Kleingeld für mich?“, krächzt sie in schlechtem Deutsch. Er hat einen Rettich und eine Dose Kidneybohnen dabei, guter Einkauf. Gemeinsam geht’s zur Kasse. Dort altbekanntes Spektakel, das wir respektvoll beobachten.

Hinter uns steht ein verwegener Riese mit einem halben Dutzend Bierdosen im Arm. Er sagt unentwegt „Angela Merkel“ vor sich hin und tritt dabei an die Hacken meines neu gewonnenen Kumpanen, der sich davon nicht stören lässt und mittellaut an seinen Fingernägeln knuspert. Um nicht aufzufallen, lasse ich einen langen Furz in meiner Hose knattern. Der akneübersäte Säufer vor mir dreht sich um. „Waschtinkt hierso nach Pisse?“, lallt die Antwort.

Wie alles im Penny ist die Kassiererin chronisch mies drauf. „Nein, fümf fehl’n noch! … FÜMMPF!!!“ schreit sie den armen Vietnamesen an, der ihr daraufhin widerstandslos sämtliches Geld in die dicken Finger mit den gemachten Nägeln drückt. Sie donnert fünf Eurostücke auf die Aluminiumbeschichtung, als präsentiere sie einen Royal Flush. „SOH!“ Kunstpause. „Jetz‘ hemmas!“ Nachdem er sein Kleingeld wieder mühsam aufgelesen hat, schlurft der Mann davon, ächzend unter dem soeben erworbenen Zentner Fritteusenfett. Wie wir alle wird er wiederkommen.